Frauen an den Plattentellern – Der Fall „Konstantin“

  Gastbeitrag von Francesco di Noi 

Aus aktuellem Anlass und da es der Fall „Konstantin“ (ich verzichte bewusst auf „Giegeling“, da das Label nicht nur aus einer Person besteht) über die Online-Version der „Bild für Akademiker“ aka SPON mittlerweile in eine breitere Öffentlichkeit geschafft hat, können wir das Thema an dieser Stelle ja auch mal aufgreifen. Doch worum geht’s?

Der DJ und Produzent Konstantin des Techno-Labels „Giegling“ hatte der„Groove“, einem der ältesten und bekanntesten Magazine der deutschen Szene für elektronische Musik, ein Interview gegeben. Darin kritisierte er die Aufmerksamkeit, die DJanes, also Frauen, die auflegen, derzeit bekämen, denn diese sei schlichtweg ungerechtfertigt. Schließlich legten Frauen meist schlechter auf.

 

Vom Herd hinters Mischpult?

Das Label ist ohne das, heute übliche, social marketing bekannt geworden und irgendwie merkt man es ebenjenen Aussagen im Interview auch an. Allerdings soll es jetzt nicht um (höflich ausgedrückt) ungeschickte Außendarstellung gehen. Obwohl, eigentlich doch. Zum Teil. Denn beschäftigen wir uns mit Konstantins Kritikpunkten, so spielt auch das natürlich eine Rolle.
Also, wieso wird speziell DJanes anscheinend so viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet?
Nun, es gibt eben nicht so viele von ihnen. Oder könntet Ihr mir jetzt, sofern Ihr nicht aus der Szene seid, spontan fünf DJanes nennen? Wahrscheinlich nicht. Und sollten Euch Paris Hilton oder Ex-GNTM Kandidatin Micaela Schäfer eingefallen sein – die zählen nicht! Warum, das klären wir später. Als ich anfing mich hinter die Plattenteller zu stellen, wäre mir – ehrlich gesagt – auch nur Marusha eingefallen und in meinem DJ-Bekanntenkreis befinden sich heute auch lediglich drei DJanes.
Halten wir somit fest: DJanes sind ein rares Gut und immer noch ein eher ungewohnter oder – sagen wir – besonderer Anblick. Besonderheiten wird ja generell mehr Aufmerksamkeit zu Teil. Das gilt  z.B. ebenfalls für konsequent maskierte Künstler, wie Daft Punk oder Deadmau5. No big deal.
Doch apropos Anblick! Ein grundlegenderes Problem, mit dem sich die DJ-Szene mMn. auseinandersetzen muss, sind die Performancer, die als DJs vermarktet werden oder, wie ich es gerne nenne, der „Guetta-Effekt“. „Ja, aber Milli Vanilli haben schon…“, könnte man jetzt anmerken, führt uns aber zu sehr vom Thema weg. Der „Guetta-Effekt“ ist abgeleitet von dem frz. Produzenten und DJ David Guetta, durch dessen kommerziellen Erfolg es en vogue wurde, mit einem – von wem auch immer – vorgefertigten Mix, hinter dem Mischpult den „Klatschaffen“ zu spielen, statt live aufzulegen. Natürlich gehört, als Unterhalter, welcher der DJ nun mal ist, ebenso ein gewisses Auftreten. Solange es nicht auf Kosten der eigentlichen Aufgabe, nämlich das DJing, geht, ist das auch vollkommen okay.
Mit dieser Kultivierung der Performance, weg vom Auflegen selbst, entfalten sich andere Vermarktungsstrategien im Zuge derer die alte Regel „sex sells“  selbstverständlich auch nicht fehlen darf. Das Wichtigste ist es weiterhin, die Leute auf die Tanzfläche zu bekommen und dabei gilt: Bring‘ die Frauen zum tanzen und die Männer kommen, wie von selbst, nach. Das Ergebnis ist ein voller Dancefloor. Und genau deswegen, liebe Damen, werden Eure Musikwünsche auch eher berücksichtigt, als die von uns Männern. In „Fachkreisen“ kurz „Tittenbonus“ genannt.
Womit wir auch schon bei dem angekündigten „später“ angelangt wären.

 

Die erste Topless-DJane, die ich kennengelernt habe, war die Ungarin Niki Belucci. Die ehemalige Turnerin und anschließend kurzzeitige Pornodarstellerin, man kann sich nun bereits denken, dass sie einem gewissen Attraktivitätsverständnis entspricht. hatte damals noch das, ihr zu eigen seiende, Markenzeichen eben oben ohne, wahlweise mit Collie (das Schmuckstück, nicht der Hund (!) oder nur mit glitzernden titty stickers (Ihr wisst schon, die Dinger, mit denen man sich die Nippel dekorativ beklebt) aufzulegen. Das war etwas besonderes, weswegen allein so manche Leute den Club besuchten, in dem Niki auflegte (s.o.).
Heutzutage lockt das niemanden mehr hinter dem Ofen vor. Außer – natürlich! – es handelt sich um eine Prominente. Bestes Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum ist die bereits erwähnte Micaela Schäfer. Und weil viel nackte Haut und zwei, vor Silikon strotzende, wohlgeformte Brüste wohl nicht mehr die Massen ziehen, soll, wie gerade per Zufall gelesen, nun noch eine Dritte hinzukommen! Was in „Total Recall“ super geklappt hat, muss im echten Leben schließlich auch prima ankommen. Während Niki Belucci wohl tatsächlich auflegen kann und mittlerweile deutlich mehr Kleidung, während ihrer Gigs, trägt, trifft beides auf Frau Schäfer hingegen in keinster Weise zu. Leider ist sie eben kein Einzelfall und, damit lehne ich mich sicherlich nicht mal ans Fenster, ausschließlich auf Grund ihrer Nackt- und vorherigen Bekanntheit als „DJane“ erfolgreich. „Tittenbonus“ als unlautere Konkurrenz sozusagen. Ich kann mir auch schwer vorstellen, dass ein Topless-DJs (mit wohlgeformten „moobs“) annähernd so viel (wirtschaftlichen) Zuspruch bekäme. Aber es sind nicht bloß die Topless-DJanes, die den Wettbewerb verzerren. Oder glaubt tatsächlich irgendjemand, dass Paris Hilton wirklich ihr Set live spielt oder zuvor selbst aufgenommen hat? Für alle anderen, die nicht zuvor zu einer gewissen Popularität gelangt sind, fasst es Fabri Fibra (feat. Thegiornalisti) in seinem aktuellen Song „Pamplona“ zusammen: „Oggi le modelle fanno il dj.“ (dt. „Heutzutage geben die Models den DJ“). Das ist ein Problem, selbst wenn man realistisch einräumen muss, dass „Vitamin B“ in der Branche stets einen immensen Anteil hatte und das Geschäft nie rein leistungsbezogen war, sowohl für DJs, als auch DJanes. Denn das Bild und die Idee vom gut ausehenden Püppchen, welches eigentlich nur nettes Beiwerk ist, sich dennoch DJane nennen darf, manifestieren sich in den Köpfen und werden entweder zum Klischee, das die Leistung von echten DJanes untergräbt, oder zu einem negativen Stereotyp, der fast allen Frauen die Fähigkeit zum Auflegen abspricht.

 

Es gibt also durchaus Anhaltspunkte und genügend Beispiele dafür, dass so manche Frau, die hinter dem Mischpult steht und besonders betont an den Plattentellern oder, auch gern sich nicht mal im Betrieb befindenen, CD-Playern herum wackelt, nicht die Bezeichnung DJane, ob ihres fehlenden Könnens, verdient. Ebenso ist festzuhalten, dass jedoch gerade diesen Frauen oftmals die meiste mediale und wirtschaftliche Aufmerksamkeit zugesprochen wird, was sich entweder auf ihre anderweitig erworbene Prominenz oder und weit häufiger auf ihre optische Attraktivität zurückführen lässt. Davon negativ betroffen sind DJs und DJanes gleichermaßen, da das originäre Problem, allen kulturpessimistischen Vorwürfen zum Trotz, in einem Paradigmenwechsel hin zum performativen Akt, der seinen ursprünglichen Wesenskern fortlaufend zu marginal- oder sogar zu rudimentarisieren scheint, liegt. Hieraus resultieren sowohl der männliche, handlungsorientiertere (Animator), als auch der weibliche, stärker optisch orientierte (Präsentator) „Phänotyp“, zwei Seiten derselben Medaille, als abwertendes Klischee und als Feindbild, die sich etablieren.
Eine gewisse, vielleicht auch selbst rettende, Reflexion und Zäsur der aktuellen Kultur in der elektronischen Musikszene, in der die künstlerische und damit mMn. auch geschlechtsunabhängige Leistung wieder stärker in den Fokus rückt, wäre angebracht.

Denn derartige Behauptungen, wie die von Konstantin, dass Frauen schlechter auflegen, als Männer, habe ich noch nie zuvor gehört und es macht mir Sorgen, wenn solche Vorstellungen am Ende auch ein Ergebnis dieser „fake culture“ hinter den Plattentellern sind.

 


 

Zum Autor:
Francesco di Noi begann bereits im Alter von zwölf Jahren hinter den Plattentellern zu stehen und Musik zu machen. Nach zwischenzeitlichen Ausflügen in die Musikproduktion und einer Ausbildung
im Bereich der Tontechnik, legt das „Espressokid“ heute in diversen Clubs auf oder ist auf Großveranstaltungen, wie dem „Juicy Beats“-Festival, als DJ tätig. Seit Mai 2016 ist er bei eldoradio* aktiv und präsentiert dort einmal im Monat die Radioshow „Open Sesame“.

 

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