Damen- und Herrenräder und die Sache mit dem Labelling

Mein Fahrrad hat sich noch nie so sehr wie ein „Damen-Stadt-Rad“ angefühlt wie diese Woche… da es zwei Wochen lang kaputt war (ok ich hätte es vielleicht nicht erst nach zwei Wochen in die Werkstatt bringen können aber sei’s drum 😉 ) hatte ich das Mountainbike eines Bekannten so lange ausgeliehen. Und es war (natürlich, weil ich bin ja winzig) nicht nur viel zu groß, auch der Lenker ist ganz anders gebogen und der Sattel war unglaublich hart und unbequem.

Als ich mich also endlich wieder auf mein Rad setzen konnte, war mein erster Gedanke: huch – fehlt da Luft im hinteren Rad? Nein: 1. war der Sattel einfach viel weicher, weshalb ich ein bisschen einsank, 2. war der Sattel tiefer als der Lenker, weshalb ich gerade sitzen konnte und 3. musste ich nicht mehr auf Zehenspitzen in the Pedale treten.

Nein, hier soll es nicht darum gehen wie sehr man Verkörpertes erst merkt, wenn es sich verändert (spannendes Thema nichtsdestotrotz!), sondern dass ich das Rad dadurch das erste mal so richtig als Damenrad wahrgenommen habe! (Btw: Das war gar kein so angenehmes Gefühl, das Mountainbike war wesentlich cooler 😉 … wenn ich auf dem doch nur auch freihändig hätte fahren können 😛 )

Versteht mich nicht falsch – ich liebe mein Fahrrad! Oder eher das meiner Mutter, das ich vor ein paar Jahren für meine Uni Stadt bekommen habe, da mein altes kaputt war. Es fährt sich wie auf Wolken! Aber in dieser Situation musste ich an damals denken, ich denke in etwa da, als ich mein letztes Rad (mit 12?) bekommen habe. Das war ein „Trecking Bike“, also Mix aus Mountainbike und doch irgendwie Stadtrad, also doch recht dicke Räder und bisschen Federung, aber Gepäckträger und Schutzbleche. Als wir im Laden waren gab es davon auch zwei unterschiedliche Fassungen, eines mit der „normalen“ waagrechten Stange des Herrenrades und meines, das die Stange etwas schräg drin hatte, aber nicht ganz so schräg wie bei Mamas Damenrad. Ich glaube da ist mir der Unterschied das erste Mal so richtig aufgefallen.

Übrigens typisch: Mir wurde natürlich nur das mit der schrägen Stange zum probieren im Fahrradladen vom Verkäufer hingestellt – ganz der Norm entsprechend.

Ich kann mich noch ganz genau an meinen (doch recht kindlich amüsanten) Gedankengang von damals erinnern: „Also ich mag die schräge Stange, so kann ich viel besser auf und absteigen oder anhalten (Ja ich Tollpatsch kann nicht aufsteigen indem ich mein Bein über das Rad schwinge – meistens fallen Rad und ich gemeinsam um). Aber wieso ist das gerade für Männer anders? Wenn die mit ihrem Rad so absteigen muss das doch weh tun!“ ^^

Da ich länger nicht mehr darüber nachgedacht hatte (warum auch Normen hinterfragen?^^) kam diese Frage also letzte Woche wieder auf. Und in diesem Moment beantwortete sie sich von selbst durch eine vorbeifahrende Frau mit Rock!

So – Frage der kleinen Jessi ist beantwortet, die große Jessi hat jetzt aber eine neue: Was soll der kack? So schön es ist in Downton Abbey Edith mit ihrem langen Rock in den 1920er Jahren Fahrradfahren zu sehen, wir haben nicht mehr 1924! Vielleicht übertreibe ich (ganz sicher) und unterschiedliche Fahrräder sind jetzt bestimmt kein Weltuntergang, aber es war mal wieder ein Beispiel dafür, wie stark gegendert unsere Konsumkultur ist, und wie diese Einteilung bestimmend ist! Natürlich fährt es sich mit Rock bei einer schrägen Stange leichter (aber auch nur, wenn der eng oder lang ist und mal ganz ehrlich ich hab noch keine Frau im „Rock-Anzug“ Fahrradfahren sehen …), aber wieso das Labelling, wieso ist die Stange beim „Herrenrad“ überhaupt waagerecht? Ja, vielleicht hätte die kleine Jessi lieber ein anderes Rad gehabt – wir werden es wohl nie erfahren …

 

Und um zum Abschluss noch meinen liebsten Satz aus einem der von mir zuletzt gelesenen Bücher zu zitieren:

(Kontext: Vergeschlechtlichung der Produkte im Drogeriemarkt)

„Es scheint nun, dass diese Vergeschlechtlichung der Produkte von den Kunden und Kundinnen nicht wirklich als negativ oder unangenehm erfahren wird. Müssen wir uns den Drogeriemarkt also wirklich als eine grausamen Ort vorstellen? Ich glaube schon.

(aus: Roedig, Andrea (2010): „Bipa, Conrad, Möbelix. Das Geschlecht des Kapitalismus“, in: Sighard Neckel (Hrsg.): Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik, Frankfurt: Campus, S. 197-215.)

PS – weil witzig: Danke an eine aufmerksame ältere Frau am Tischen neben uns an einem unserer letzten Abende des feministischen Salons, die nach meinen Ausführungen zu Kapitalismus und Geschlechterrollen als Wunschthema meiner Masterarbeit zu uns kam, mir einen Zettel mit der Literaturangabe gab und sagte: „Da Sie sich so für das Thema interessieren, hier ist noch ein Buchvorschlag – viel Spaß beim Lesen!“ Solche Mitmenschen sind die Besten! ❤

 

PPS – weil Sprache wichtig ist: Ich finde es sowohl bezeichnend als auch beunruhigend, dass meine Worterkennung hier „Vergeschlechtlichung“ nicht kennt!

 

 

Advertisements

Published by

flummidreams

blogger - student - workaholic

2 Antworten auf „Damen- und Herrenräder und die Sache mit dem Labelling

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s