SKAM – Teil 3: Immer wieder die Sache mit der Religion

Da ich Religionswissenschaft im Hauptfach studiere, beschäftige mich im Grunde immer irgendwie mit Religion und Fragen danach wie Menschen über ihren Glauben und/oder (ihre) Religion sprechen. Deshalb verwundert es sicher nicht, das ich Skam auch aus diesem Blickwinkel heraus immer interessanter fand. Religion und Populärkultur sind eh so ein großes Interessensgebiet von mir.

Mein Schwerpunkt wird hier ganz klar auf Sana liegen, die Hauptfigur der letzten Staffel von Skam. Allerdings spielt Religion immer mal wieder auch eine kleine Rolle in anderen Staffeln der Serie. Sana ist durch ihren Charakter und ihre Entwicklung, über die gesamte Serie hinweg nach und nach meine liebste weibliche Hauptfigur geworden. Ich habe sie gerade in Staffel 3 sehr ins Herz geschlossen und habe mich daher gefreut, als ich erfuhr, dass sie eine eigene Staffel bekommen würde. In einer Zeit in der Muslime in Europa einen eher schweren Stand haben, sicher auch kein Zufall. Juli Andelm hat in der gesamten Serie immer wieder versucht neue Blickwinkel auf kontroverse Themen zu bieten (die Flüchtlingskrise 2015 war z.B ein großes Thema in Staffel 2).

 

Und wenn es nur darum geht, dass Isak ein T-Shirt mit Jesus am Kreuz besitzt, das tatsächlich eine gewisse Rolle in der Serie hat, ohne dass es sonst einen weiteren religiösen Bezug geben würde.

Religion spielt dann tatsächlich vor allem in Staffel 3 und 4 eine größere Rolle. Das liegt zum einen daran das Isak bestimmte Themen die damit verknüpft werden können aufwirft, aber auch ganz gezielt Sana auf ihre ganz persönlichen Ansichten anspricht. Diese wird von Staffel 1 als religiöse Muslima eingeführt und trägt einen Hijab, den sie tatsächlich auch nie absetzt. Stattdessen wird Sana dann in manchen Situationen mit einem Handtuch auf dem Kopf gezeigt. Während etwa Sanas Mutter in Staffel 4 im häuslichen, familiären Umfeld auch ohne Kopfbedeckung zu sehen ist.

Mehr zu den verschiedenen Verschleierungsformen im Islam könnt ihr hier erfahren: https://www.facinghistory.org/civic-dilemmas/brief-history-veil-islam

Zurück zu Staffel 1. Hier spielt vor allem Sanas Rolle als Muslima in die Handlung hinein, während die Mädchen – Chris, Vilde, Eva und Noora sich näher kennenlernen. Auch Sana spielt noch mit ihrer Position innerhalb der Clique und ist vor allem eines: Sarkastisch und manchmal auch etwas rüde im Umgang mit anderen. Erst in Staffel 4 klärt sich, weshalb das so ist.

Vor allem Vilde versucht immer wieder herauszufinden, wie Sana ihre Religion auslebt. Dabei stellt sie ab und an Fragen, bei denen diese nur ihre Augen verdrehen kann.

Auch in Staffel 2 ändert sich daran kaum etwas, im Gegenteil, eigentlich ist Vildes Rolle in der Hinsicht schon festgeschrieben. Allerdings hat sie tatsächlich öfter mal etwas naiv anmutende Fragen egal zu welchem Thema. Den aufmerksamen Serienjunkies wird klar, dass dahinter tatsächliches Interesse steckt.

Erst Staffel 3 nimmt das Thema Religion viel stärker in den Vordergrund. Zum einen wird immer wieder angedeutet, dass Isak aus einem sehr religiösen Elternhaus kommt und vor allem seine Mutter aus einem konservativen Umfeld stammt. Gerade deshalb hat er auch Angst mit ihr über seine Homosexualität zu sprechen. Dabei wird ebenfalls angedeutet, dass sie eventuell eine psychische Störung hat und glaubt, Donald Trump wäre Isaks Onkel. Allerdings erfahren die Zuschauenden dies nur aus Isak Erzählungen und daher ist nicht klar, in wie weit sie der Realität entsprechen oder nur seine Sicht der Dinge wiederspiegeln.

Isak selbst interessiert sich vor allem für die Frage nach Paralleluniversen, in denen laut seiner Ansicht nach, die gleichen Menschen leben und eventuell nur minimale Unterschiede zum eigenen Universum bestehen. Außerdem diskutiert er mit Sana über die Evolutionstheorie und Religion. Unter anderem auch deshalb, weil er damit eigentlich herausfinden möchte, was sie über „Homosexualität“ denkt.

Diese Gespräche, über Evolutionstheorie, Religion und Homosexualität, regen zum Nachdenken an und bieten Ansatzpunkte sich selbst zu hinterfragen und auch die eigene Weltsicht zu erweitern, ohne das eine Belehrung stattfindet. Sie zeigen vor allem zwei Jugendliche, die eben auch mal über ernstere Themen miteinander sprechen können und deren Freundschaft über die gemeinsame Arbeit an einem Biologieprojekt zu wachsen beginnt. Trotzdem wird auch hier schon deutlich, welche Stellung Sana selbst zu ihrer Religion einnimmt, aber auch wie Religion im Allgemeinen bei Skam verhandelt wird.

Religion findet auf einer persönlichen Ebene statt und kann auch instrumentalisiert werden. Während ihren Gesprächen erklärt Sana, dass nicht die Religion, sondern die Menschen aus ihrer Angst heraus andere Menschen herabwürdigen und diskriminieren.

Sana ist die Hauptfigur der vierten Staffel und während diese ausgestrahlt wurde, gab es in den sozialen Medien jede Menge kontroverse Diskussionen.

Auch die Frage, in wie weit muslimische Jugendliche sich von Sana repräsentiert fühlen könnten, immerhin tragen ja z.B nicht alle Muslima eine Verschleierung (siehe dazu auch den obigen link). Für mich persönlich steht tatsächlich im Mittelpunkt das es für mich erst das zweite Mal überhaupt, dass ich eine Hijab tragende Frau in einer Serie erlebt habe (das Erste Mal war in der TV-Serie Türkisch für Anfänger), noch dazu in einer tragenden Rolle.

Zugleich ist auch Iman Meskini, die Sana verkörpert, praktizierende Muslima und trägt privat einen Hijab. Julie Andelm bricht damit gängige Muster in Serien und Hollywoodproduktionen.

In Sanas Umgebung sind alle Figuren, die sich selbst als Muslime und Muslima wahrnehmen, praktizierende Muslime und Iman Meskini trägt auch privat Hijab.

Auch wenn Religion in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielt, wird ihre Figur nicht allein darauf reduziert. Sie ist auch und vor allem eine Teenagerin, mit marokkanischen Wurzeln, die sich auch als Norwegerin wahrnimmt. So trägt sie selbstverständlich am Nationalfeiertag ihre norwegische Tracht und spricht fließend Norwegisch. Kunststück, immerhin ist sie dort geboren und aufgewachsen.

Im Dialog mit ihrem großen Bruder wird ein Generationenkonflikt zwischen ihrer Mutter und den Geschwistern angedeutet. Die Eltern der beiden sind erst als Erwachsene von Marokko nach Norwegen ausgewandert und waren während ihrer Schulzeit daher mit anderen Konflikten konfrontiert. So könnten sie nun nicht alle Probleme ihrer Kinder nachvollziehen.

Sana geht gerne mit den andern auf Parties, organisiert Gelder um den Bus zu Bus für die Abschlussfeier zu bezahlen und schminkt sich gerne. Dabei setzt sie sich zum Teil notgedrungen auch damit auseinander, dass ihr immer wieder Vorurteile entgegengebracht werden.  Immer wieder werden dabei auch Stereotype hinterfragt, die muslimischen Frauen in Norwegen herangetragen werden. Z.B das Frauen die verschleiert sind, dies nicht aus eigenem Willen tun und von ihren männlichen Familienmitgliedern unterdrückt werden. Wobei ich finde, dass sich vieles zumindest mal auf die europäische Gesellschaft oder auch die deutsche übertragen lässt.

Sanas Gespräche sind manchmal sehr ernst, sie fühlt sich gerne angegriffen und ein klärendes Gespräch mit Isak über eine Intrige die sie in ihrer Staffel spinnt, zeigt auch wie verletzlich sie eigentlich ist. Auch sie hat ihre eigenen Vorurteile und ist eben keinesfalls perfekt. Gerade diese Vielschichtigkeit macht ihre interessant aber auch zu einer Identifikationsfigur.

Eigentlich finde ich es traurig, dass mir auffiel, dass es Julia Andelm wohl sehr wichtig war, Sanas Staffel dazu zu nutzen, noch einmal heraus zu stellen, dass sie eine eigene Meinung hat, eigene Entscheidungen trifft und auch ihren ganz persönlichen Zugang zum Islam hat und weshalb sie an Gott glaubt.

Immer wieder positioniert sie sich zu verschiedenen Themen z.B Homosexualität und auch gegen bestimmte Aussagen mit denen sie nicht einverstanden ist. Aber auch Noora und Evan tun dies in ihren jeweiligen Staffeln, ebenso Isak. Insofern geht Andelm mit ihrer Figur also einfach ebenso „normal“ um, wie sie das schon in der ganzen Serie gemacht hat. Kontrovers erscheint in diesem Zusammenhang tatsächlich nur das Sana eben eine Muslima ist. Schon allein das mir das auffällt, zeigt für mich persönlich auch, wie genau diese Thematik bisher in anderen Zusammenhängen verhandelt wurde.

Sanas Religion ist aber trotzdem nur ein Bestandteil ihrer Identität. Wie auch schon in anderen Staffeln der Serie, versucht Skam genau dies herauszuarbeiten: Menschen haben vielschichtige Identitäten und lassen sich daher nicht so leicht in Schubladen einordnen, wie es manchmal auf den ersten Blick erscheint. Problematisch ist jedoch, dass oftmals, und auch zu Beginn in dieser Serie Islam als der zentrale Identitätsbestandteil wahrgenommen wird und dieses Bild erst im Laufe der Handlung verändert wird. Als es um Homosexualität u.ä. ging (siehe hier), wurde diese auch schon zu Beginn als etwas „Nicht-Besonderes“ dargestellt. Das könnte man sich auch für das Themenfeld Religion für die Zukunft wünschen.

Sana drückt in einem Gespräch mit Isak dann auch aus, das sie es leid ist, ständig den Vorurteilen der Menschen ausgesetzt zu sein. Sie hat keine Lust mehr „dumme“ Fragen zu beantworten, die ständig in verschiedenen Kontexten an sie herangetragen werden. Gleichzeitig versucht Isak ihr zu sagen, dass sie diese Konfrontation nicht scheuen sollte.

Gleich zu Beginn ihrer Staffel verliebt sich Sana in den gleichaltrigen Yousef. Dieser hat so seine eigenen Ansichten zu Religion. Er gibt ihr die Schuld daran, das ein guter Freund versucht hat sich umzubringen, weil dieser aufgrund verschiedener Ereignisse auf einmal anfing, den Koran zu lesen und für eine Zeit radikal religiös war.

Allerdings wird mit etwas mehr Hintergrund klar, dass Yousef damals nicht alle Informationen hatte und z.B. nicht wusste das dieser Bipolar (einer psychischen Krankheit mit starken Emotionsschwankungen) ist. In einem späteren Gespräch mit Sana sagt er dann, dass für ihn Religion vor allem die Funktion erfüllt, Ängste zu verringern und Gesellschaften zu strukturieren. Deshalb ist sie für ihn neben Demokratie irgendwie auch wichtig, weil sie einen anderen Ansatzpunkt wählt (seiner Meinung nach) und davon ausgeht, dass alle Menschen gleich viel wert sind, während Demokratie eine Gleichheit nur konstruiert.

Die Serie, insbesondere die vierte Staffel, bildet also verschiedenen Diskurse über Religion in der norwegischen Gesellschaft ab. Nicht immer zentral (so wie in Sanas Staffel), wie man eben manchmal auf einmal im Gespräch auf ein Thema stößt und es dann irgendwann wieder fallen lässt. Aber eben immer wieder darauf zurückgreifend. Dadurch wird deutlich das sich die Figuren auch außerhalb der gezeigten Szenen hinaus mit diesen Themen auseinandersetzen.

 

Wer norwegisch kann:

https://www.aftenposten.no/kultur/i/eQa6l/De-skamlose-jentene–Sana-blir-et-viktig-forbilde-for-muslimske-jenter

Englisch sprachige Artikel zum Weiterlesen:

http://www.dazeddigital.com/artsandculture/article/35931/1/two-young-muslims-discuss-how-skam-portrays-islam

http://www.teenvogue.com/story/muslim-girl-new-season-of-skam-is-so-important

http://skam.p3.no/

 

Übrigens gibt es in diesem Semester auch an der Universität von Bergen ein religionswissenschaftliches Seminar zu Skam. Ich gebe zu, ich bin neidisch und ein klein wenig traurig das ich zurzeit kein Auslandsemester in Norwegen machen kann. 😉

 

 

 

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Published by

carolinnkiener

Caro studiert zur Zeit Religionswissenschaft und Jüdische Studien in Heidelberg. Momentan trauert sie um das Ende ihrer Lieblingsserie Skam, hat eine Schwäche für Lou Andreas-Salome, liebt blutige Krimis und findet das Feminismus ein wichtiges Thema ist, das uns alle angeht.

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