Langer Kommentar zu einem alten Hut: Frauen, Männer und der Sommer Teil 2

Der Sommer ist gefühlt zwar fast vorbei (leider), dieses Thema aber noch lange nicht (leider auch: leider)…

Teil zwei dieser Reihe sollte eigentlich ein ganz anderes Thema werden, und auf dieses hier wäre ich von selbst glaube ich auch gar nicht gekommen, aber wie ich zu einer Freundin immer sage: „Der Blogpost schreibt sich von ganz alleine!“

Unter anderem zu verdanken sind die folgenden Ausführungen der lieben Ökobitch, die auf ihrem Blog von ihrem „Selbstversuch“ das mit dem Rasieren mal sein zu lassen berichtete. Abgesehen davon, dass ich es nicht nur toll finde, dass sie diese Entscheidung für sich getroffen hat, sondern auch noch darüber berichtet, trifft ihr Beitrag auch bezüglich „warum der Kapitalismus schuld ist“ meinen Geschmack 😉

Mir selbst geht es hier nicht darum, was ich nun für richtig halte oder ob ich mir meine Haare im Dreieck rasiere. Mir ist jedoch, als obiger Beitrag in Facebook geteilt wurde, aufgefallen, dass ich erst einmal zögerte (öffentlich!) zu kommentieren. Weil irgendwie fühlt es sich privat an.

Aber ist es das wirklich?

Zunächst einmal: Ja, es ist der eigene Körper, deshalb eine eigene Entscheidung, es geht um das eigene Körpergefühl. Doch gerade, wenn mindestens ein Mal im Jahr in jeder Frauenzeitschrift wieder thematisiert wird, ob Männer denn „untenrum“ jetzt lieber rasiert oder nicht wollen, wenn ich schon komische Blicke ernte, weil meine Feinstrumpfhose im März mal so schimmerte, als ob ich Haare darunter hätte, und vor allem wenn ich zu diesem Thema das Tippen anfange, dann kann es doch gar nicht so privat sein oder?

Körperbehaarung ist mal wieder ein perfektes Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Normierungsprozesse sich so in die eigene Körpererfahrung, in die eigene Leiblichkeit eingebrannt haben, dass, egal ob die Leute nun wirklich schauen oder nicht, man sich aufgrund gefühlter missbilligender Blicke in seiner eigenen Haut unwohl fühlen kann.

(Und da soll nochmal jemand behaupten, Judith Butlers Ausführungen zur Naturalisierung von einer sozial und historisch konstruierten geschlechtlichen Wirklichkeit würden den Körper oder die Körperlichkeit nicht beinhalten)

 

Früh will gelernt sein

Als ich zwischen 13 und 17 war, hatte ich eine Bekannte, die nur den Berg runter wohnte . Ihre Familie hatte einen kleinen Weiher, was bestimmt nicht der Grund war, weshalb ich im Sommer irgendwie mehr mit ihr befreundet war als im Winter 😉 Auf dem Weg runter sammelte ich immer einen gleichaltrigen Freund mit ein. Wir müssten so 14, maximal 15 gewesen sein, als er mir jetzt im Nachhinein betrachtet das zweite Mal zeigte, wie stark und wie geschlechtsunterschiedlich gesellschaftliche Normen wirken können.

(Das erste Mal war der Fahrradverkäufer schuld)

Wir standen mitten in der Pubertät, ich selbst war natürlich an Achseln, Armen* und Beinen aalglatt. Die damals 10-jährige Cousine meiner Freundin glücklicherweise noch nicht. Folgendes Gespräch drückt mir immer noch den Magen zusammen:

Er: „Sie könnte sich aber schon mal rasieren!“

Ich: „Nein, das muss sie doch noch gar nicht. Und außerdem hat sie eh blonde Haare, das sieht man doch fast gar nicht!“

Er: „Doch! Das sieht richtig kacke aus, schämt die sich denn nicht langsam dafür?“

So viel kann in drei Sätzen drin stecken:

Er: „Sie könnte sich aber schon mal rasieren!“

Er sieht glatte Beine also als die unhinterfragbare Norm an.

Ich: „Nein, das muss sie doch noch gar nicht. Und außerdem hat sie eh blonde Haare, das sieht man doch fast gar nicht!“

Ich sehe glatte Beine als die unhinterfragbare Norm an. Gebiete ihr nur noch ein paar Jahre länger die Herrin über ihren eigenen Körper zu sein. Ich (= Frau) suche aber gleichzeitig im Gespräch mit ihm (= Mann) aber auch schon nach Entschuldigungen für sie (= Frau). 

Er: „Doch! Das sieht richtig kacke aus, schämt die sich denn nicht langsam dafür?“

Er urteilt über Körper anderer und geht ohne nachzudenken davon aus, dass nicht-der-Norm-entsprechen Scham zur Folge haben MUSS.

Ich: Stille

Ich weiß nichts mehr zu sagen, will lieber nicht weiter diskutieren, beuge mich der Ordnung oder alles drei zusammen.

Natürlich wollte weder er und noch weniger ich ihr etwas Böses. Was es noch schlimmer macht: Es war ein ganz normales Gespräch unter Jugendlichen. Und doch sagt es so viel über unsere Gesellschaft aus.

 

Hat der Feminismus jetzt schon wieder was damit zu tun?

Grundsätzlich ja erstmal nicht. Dehnt man die Definition von Feminismus aber auf körperliche Selbstbestimmung aus und sieht man auf einmal geschlechtsspezifische Unterschiede, dann auf einmal schon.

Immer heißt es: Frau sein an sich ist schon politisch. Der Körper der Frau ist von sich aus politisch. Anscheinend können auch Haare politisch sein.

Aber wie ist das denn passiert?

Vor einer Woche war ich mit meiner Mutter kurz im Drogeriemarkt …

(Entwarnung: Ich werde jetzt nicht wieder auf den Kapitalismus schimpfen, auf das riesige Regal für Damenenthaarung im Vergleich zu den paar Männerrasierern verweisen, auf die Farben rosa und blau und die böse böse Werbung im Allgemeinen – upsi wie ist das jetzt wieder passiert?)

… als ich mir noch kurz Klingen für meinen Rasierer kaufen wollte und meine Mutter zu mir augenzwinkernd meinte: „Du als Feministin rasierst dir noch die Beine? Darfst du das überhaupt?

Kurze Antwort: Es ist wie mit dem Schminken – ja ich darf!

Aber wieso kam meine Mutter, mit der ich noch nie über dieses Thema unter feministischen Gesichtspunkten geredet hatte, überhaupt darauf diese Frage zu stellen? Wieso verknüpft sich in ihrem und so vielen anderen Köpfen automatisch Rasieren mit Feminismus? Und wieso erscheinen sie als Gegenpaar?

Mir ist bewusst, dass das Nicht-Rasieren als Befreiung angesehen wurde und immer noch wird. Und ich finde es gut, dass erkannt wird, dass soziale Normen auf unseren Körper und unser Körpergefühl wirken. Und ja, ich sehe es als feministisch, wenn sich jemand aktiv zu entscheidet sich nicht zu rasieren. Aber das heißt noch lange nicht, dass sich zu rasieren unfeministisch wäre. Dieser schnelle aber folgeträchtige Rückschluss tritt bei so vielem auf. Beispiel von oben: Schminken. Oder: Das Kopftuch. Und genau hier liegt das für mich eines der größten Problem, dass der Feminismus hat: Selbstbestimmung wird oft auf eine bestimmte Art und Weise ausgelegt, und wenn man dieser nicht entspricht unterwerfe man sich nur dem Patriarchat, bestätige dieses und laufe damit der Bewegung entgegen. Entschuldigt, aber was an dem Wort SELBST-Bestimmung habt ihr denn nicht verstanden? Klar ist es schwer auf Konventionen hinzuweisen oder sie zu verändern, wenn man ihnen entspricht. Aber es nur aus diesem Grund nicht tun? Worin liegt denn dann der Unterschied?

In meinem Freundeskreis gibt es eine WG bestehend aus drei weiblichen Insassinnen. Alle bezeichnen sich als Feministinnen. Zwei davon sind in einer heterosexuellen Beziehung. Eine davon ist komplett unrasiert. Eigentlich haben diese Punkte nichts miteinander zu tun. Allerdings hieß es letztens vorwurfsvoll: „Ja ihr Freund will das, und nur deshalb rasiert sie sich wieder.“ Als ob sie sich beugen würde. Als ob sie dadurch nicht mit den anderen an einem Strang ziehen würde. Ich kann gerade selbst nicht sagen wo ich auf diesem schmalen Grad die Grenze ansetzen würde zwischen „in der Partnerschaft Kompromisse eingehen“ und „sich dem anderen beugen“, aber dass ein paar Haare so oft und so viel thematisiert werden können? Als ganz zu Beginn mir meine erste Freundin aus dieser Clique von den dreien erzählt hat hieß es sogar: „In der Gruppe ist alles dabei – manche sind sogar so feministisch, dass sie sich nicht mal rasieren.“ Nochmal: Das war das ERSTE was mir von ihnen erzählt wurde. Als ob das WICHTIG wäre? Als ob man durch Haare wachsen lassen zu einem höheren Grad im heiligen Bund des Feminismus aufsteigen würde!

 

Aber ob jetzt ein Mann für seine Freundin den Bart wachsen lässt oder sich rasiert, hat damit nichts zu tun? Irgendwie bleibt das eine private Angelegenheit des Paares. Da ist überhaupt nichts politisches dran und den anderen ist es auch egal. Vielleicht meint jemand: „Das soll er doch selbst entscheiden!“ Aber es als Teil einer feministischen Debatte sehen? Entweder beides oder gar keines!

Dass die als zu rasieren wahrgenommenen Körperteile je Geschlecht unterschiedlich sind, sollte klar sein. Wie stark jedoch die Verkörperung von Gesellschaftsnormen ist, zeigt folgende Anekdote:

Im Alter von 15 Jahren war ich im Sommer auf einer Jugendfreizeit. Eines abends wetten ein Leiter (23 Jahre) und ein Jugendlicher (16 Jahre) wer die meisten Liegestütze schaffe. Der Wetteinsatz: Rasieren! Der Leiter müsse sich den Bart und die Achseln rasieren, der Jugendliche (weil beides schon rasiert) die Beine. Puh! Zum Glück sah am Ende der 23-jährige nur aus wie 12 und nicht der andere wie ein Mädchen. Denn genau diese beiden Arten der Demütigung waren ja der eigentliche Wetteinsatz. Nur Rasieren wäre ja grundsätzlich vollkommen egal. Es muss ja auch seine Folgen haben. Und was ist am jeweils schlimmsten? Richtig, wenn der Leiter mit einem Kind verwechselt werden kann oder wenn der sich gerade langsam männlich fühlende Jugendliche weiblich aussieht. Wie viel stärker könnten denn soziale Normvorstellungen noch wirken, als dass innerhalb einer Generation das gleiche Körperteil (Beine) in behaart und unbehaart männlich und weiblich symbolisieren?

Ich wiederhole: Und da soll nochmal jemand behaupten, Judith Butlers Ausführungen zur Naturalisierung von einer sozial und historisch konstruierten geschlechtlichen Wirklichkeit würden den Körper oder die Körperlichkeit nicht beinhalten.

 


 

*PS: Ja, ich rasiere mir übrigens auch die Arme, rede mir also ein es „wäre alles nur aus ästhetischen Gründen“…

 

 

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2 Kommentare zu „Langer Kommentar zu einem alten Hut: Frauen, Männer und der Sommer Teil 2

  1. Die Haare sind ein Merkmal welches uns vom Affen unterscheidet. Die Wichtigkeit auch darin begründet. Der Rest ist Mode, eine gesellschaftliche Norm die zeitlich der Veränderung unterliegt, religiös Beeinflusst ist usw. Der Umgang mit unseren Haaren also eine Botschaft, innerhalb der Gruppe, der Gruppen untereinander usw. . Bis auf ein paar Aussteiger sind wir an unsere Gruppen und deren Rituale gebunden. Wer damit bricht, scheidet mehr oder weniger aus der Gruppe aus. Damit sind Haare und der Umgang damit immer politisch immer eine Botschaft. Ob man sie, rasiert, wachsen lässt oder versteckt, je nach Gruppe. Eine reine Privatangelegenheit werden sie nie sein. Wie wenig privat ist natürlich abhängig von der Gruppe in der man lebt und der zugestandenen Freiheit.

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