Warum es nicht ohne Body Positivity geht

Eine Woche lang schleppe ich nun schon die Idee für diesen Blogpost mit mir herum. Nein, ich schreibe nicht einfach etwas dazu, weil man das als Feminist*in wohl gerade tun müsse.

Sondern, weil mich dieser Artikel fast zur Weißglut gebracht hätte: 5 Gründe, warum es mich ankotzt, wenn schöne Menschen sagen, sie seien body-positive

Nachdem ich ihn letzte Woche gelesen hatte, habe ich ihn zu Diskussionszwecken in diversen Facebookgruppen / -seiten und mit Freund*innen geteilt. Eigentlich nur, um ein bisschen Input für diesen Post hier zu gewinnen. Leider hat es sich nach einem Tag so angefühlt, als ob alles gesagt wäre. Im Groben gab es immer zwei Meinungen, eine, die ich auch vertreten würde, und die andere ^^

Ich hatte mir also vorgenommen, etwas dazu zu schreiben. Was hab ich gemacht? Zwei Tage lang mein Bullet Journal verschönert 😀 Ich hatte weder Lust, noch eine Vorstellung, was ich denn nun eigentlich noch dazu schreiben soll – irgendwie war schon alles gesagt.

Ich würde ja gerne sagen, mein Bullet Journal war die Rettung. Aber eigentlich war es doch das Zitat meiner Heldin Simone de Beauvoir:

Simone Body nah.jpg

Nachdem ich das gefunden hatte – und es auch noch hinbekommen habe nach meinen Vorstellungen zu illustrieren 😀 – MUSSTE ich den Post jetzt auch wirklich schreiben. Als ich dann heute morgen nochmal alle Diskussionen durchging, fiel mir auf, dass jemand zusammen mit oben genanntem Artikel auch noch diesen hier geteilt hatte: Warum Body Positivity einen negativen Beigeschmack hat

Und – schwupsdiwups – war der Inhalt auch kein Problem mehr 😀


 

Kurzzusammenfassung: Nach meiner Lesart geht es im zweiten Artikel grundsätzlich um  eine Kritik an der aktuellen Werbe-/ Schönheitsindustrie, die den Begriff Body Positivity für sich nutzt. Wenn hier Schluss wäre: Yay! Kapitalismus ist sch****! 🙂 Leider war das erst die Hälfte. Und im ersten Artikel ging es wohl einfach darum, persönlichen Frust rauszulassen. Entschuldige, aber wenn es anders wäre, würde man merken, dass man zwei nicht zusammenhängende Dinge (die Instagram-Scheinwelt und was Body Positivity ist) miteinander vermischt, im Zuge dieser Kritik alles über einen Kamm schert, und GENAU DAMIT Schönheitsideale verfestigt und Menschen innerhalb einer Bewegung kritisiert … also genau das tut, worüber man sich gerade aufregt…

Ja, das sind Meinungen, klar. Aber warum muss denn schon wieder eine positive Bewegung ins negative Licht gerückt und abgelehnt werden? Der Kapitalismus und die Gesellschaft müssen sich gar nicht gegen den Feminismus wehren – wir machen uns schon selbst kaputt!


 

1. Instagram und „schöne“ Menschen

Danke, dass so viele Menschen über Instagram schreiben. Danke, dass alle darüber urteilen. Danke, dass fast niemand auf der sogenannten „schönen Seite“ etwas in die Diskussion mit einbringt. Danke, dass, wenn das doch mal passiert (auch im kleinen), jeder darauf herumhackt und es als „Marketing“ darstellt. Danke, dass niemand Instagram einfach mal Instagram sein lässt.

Ach und: Danke, dass ich jetzt mal ausreden darf!

Auch ich sehe, dass Schlagworte wie Body Positivity mittlerweile auf Social Media Plattformen aus nicht den besten Gründen genutzt werden – ich hab ja keine Scheuklappen auf! Kritisieren okay, aber deshalb die Bewegung verurteilen und aufgeben? Ich hör ja auch nicht mit dem Feminismus auf, nur weil H&M & Co. T-Shirts mit „Feminist“ Prints verkaufen!

Was ich mich auch immer frage ist, warum immer so viele glauben, dass das Leben, das auf Instagram gezeigt wird „real“ ist? Dass da kein Mensch dahinter steckt. Ein Mensch. Mit Problemen wie jeder andere Mensch.

Da ich selbst weiß, wie kritisch man seine Bilder vor dem Posten aussortieren kann, wie oft man Körperteile wegschneidet, und wie wenig man dann die (meist lobenden) Kommentare darunter auf sich selbst als Person bezieht: Instagram ist wie jedes andere Soziale Medium seine eigene Welt, mit eigenen Unterwelten! Wenn niemand Fettpölsterchen sehen will, dann zeigt man sie auch nicht. So einfach ist das! Aber man muss sich das ja nicht antun 😉 Ich selbst habe ja gerade mein Instagram aussortiert, und mein Profil geändert. Und siehe da: Die Welt sieht ganz anders aus!

Aber was mich (am ersten Artikel) noch viel mehr aufgeregt hat, war die Überschrift, die ja ganz sicher nicht zu Marketingzwecken verfasst wurde …

  1. Warum sollte irgendjemand nicht sagen dürfen, er*sie seit Body Positive?
  2. Wer bestimmt denn bitte gerade wer „schön“ ist und wer nicht, wenn nicht die Autorin des Artikels?

Klar, man könnte mir jetzt vorhalten ich könne das ja ohne Probleme sagen, mir würde das ja nicht schwerfallen. Ha! Das wäre ja gelacht!

Ohne auf meine persönlichen Probleme einzugehen, ist das genau mein Punkt: Wenn die Diskussion auf diese Art und Weise geführt wird, urteilt man über Körper! Und genau das soll ja NICHT gemacht werden!

Meine Diskussionen, sowohl online als auch offline, liefen alle nach dem gleichen Muster ab: „Normschöne“ Menschen beschreiben, dass auch sie Probleme haben und demnach Body Positivity als etwas Positives sehen (ui – Wortspiel 😉 ). (Sich selbst) nicht (als) „normschöne“ Menschen (sehende Personen) fühlen sich dadurch angegriffen. Aber warum? Niemand greift hier an. Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen von der Regel. Allerdings – so meine Erfahrung – sind meine Gesprächspartner meistens erst durch Gesprächen mit „normschönen“ Menschen zu der Erkenntnis gelangt, dass jede*r seine Probleme hat.

Ob es in der Gesellschaft jetzt für manche Körperformen einfacher oder schwerer ist, sei mal dahingestellt. Denn darum geht es nicht!

 

2. Überall geht es um den Körper – und das ist gut so!

Das einzige Problem, das ich an Body Positivity sehe ist, dass wir in unseren Köpfen anscheinend einfach nicht mehr nicht kategorisieren können! Dass wir immer urteilen müssen. Dass wir Körper nicht einfach ohne Bewertung betrachten können. Egal was für eine Bewertung das auch immer sein mag. Das ist das Schlimme daran. Und eigentlich hat das nichts mit Body Positivity zu tun!

Um die Autorin des ersten Artikels zu zitieren:

Und schon wieder ist es bei mir da, dieses Gefühl: Kann man nicht ein einziges Mal Instagram oder Social Media nutzen, ohne über irgendwelche Körper reden zu müssen?

Nein! Kann man nicht. Und das ist gut so!

Solange wir in einer Gesellschaft leben, die Körpernormen vorschreibt, solange eine Freundin und ich uns einig sind, nur in einer geschlossenen Gruppe über unsere Körperwahrnehmung reden könnten, solange sich noch irgendjemand in seiner*ihrer Haut unwohl fühlt MUSS der erste Schritt das ständige Reden über und Normalisieren jeder möglichen Körperform sein! Man kann das Thema nicht einfach mit der Begründung sein lassen, dass hierdurch doch Normen erst verfestigt werden. Dass, wenn Körperformen egal wären, man sie auch egal sein lassen könne. Nein. So funktioniert das  nicht.

Denn:

  1. Gesellschaftliche Kontrolle des*der Einzelnen funktioniert über Körper. Wenn wir das nicht in seiner Gewichtigkeit* anerkennen, verkennt nicht nur der Feminismus, sondern auch jede andere gesellschaftliche Bewegung die zentrale Wirkfläche von Kultur und Gesellschaft.
  2. Wenn niemand angemessen und ständig über Körper spricht, überlässt man auch hier das Feld den lauteren Stimmen. In diesem Fall dann beispielsweise der Werbung. Oder dem Fashion/Lifestyle Instagram.

* Weil anscheinend kein Blogpost ohne auskommt: Auch deshalb heißt Judith Butlers bekanntes Buch „Körper von Gewicht“.

Eine Welt ohne Körper gibt es nicht. Mit dieser Voraussetzung müssen wir arbeiten. Sonst reden wir irgendwo, über irgendwas. Aber nicht in dieser Welt, nicht über die Probleme dieser Welt.

 

3. Was ist denn nun Body Positivity und warum ist es wichtig?

Ihr (gemeint sind obige Autorinnen u.a.) beschwert euch, dass Body Positivity nicht mehr das ist, was es sein sollte? Dass, es als Modetrend zu Marketingzwecken genutzt wird?

Auch, wenn mir das als Religions- und Kulturwissenschaftlerin drei Jahre lang ausgetrieben wurde: Ihr wollt zurück zu den Ursprüngen? Ihr kriegt die Ursprünge!

Immer wieder wird Body Positivity mit „den eigenen Körper lieben“ übersetzt. Aber das wäre ja zu viel verlangt – Akzeptanz sei das Ziel!

Euch ist schon klar, dass, wenn ihr „Körper lieben“ kritisiert, weil es Menschen vorschreibt, wie sie mit ihrem Körper umgehen sollen, „Körper akzeptieren“ nichts anderes ist?

Unabhängig davon, dass meiner Meinung nach Akzeptanz, weil es auf viel zu wackeligen Füßen steht nicht ausreicht – seit wann wird Positivity mit Liebe übersetzt? Die schönste, und meiner Meinung nach einzig funktionierende Definition für Body Positivity hab ich von meiner lieben Katha:

Es geht nicht darum, Fehler zu akzeptieren, sondern erst gar keine Fehler zu sehen! Jeder Körper soll als „richtig“ gesehen werden.

 

Egal, wie viel sich die Welt in den letzten 70 Jahren geändert hat: Simone de Beauvoirs Zitat passt immer noch wie die Faust aufs Auge:

To lose confidence in one’s body is to lose confidence in oneself.

Ohne den Körper gibt es uns nicht. Ob wir es wollen oder nicht, ob die gegenwärtige Kultur nun „Körper“ und „Geist“ trennt oder nicht: der Körper ist und bleibt unser Medium untereinander und unsere Verbindung zur Welt.

Der Körper ist das Mittel, über welches Kontrolle auf so etwas wie das „Selbst“ ausgeübt wird. Ob es nun die Gesellschaft tut oder man selbst.

Da steht ja gar nichts von „schön“? Richtig! Es geht nicht darum alle Körper als „schön“ zu sehen. Schönheit soll nämlich keine von außen aufgedrückte Schablone sein, die dem*der Einzelnen vorschreibt, wie er*sie die Welt sehen soll. Schönheit, genauso wie Attraktivität, sind etwas subjektives. Natürlich sind wir durch Sehgewohnheiten geprägt. Aber doch gegen genau diese wollen wir uns doch wehren!

Schön sein, sich schön fühlen ist nicht das Ziel.

Aber weil sich ja keiner ein Ziel vorschreiben lassen will, ziehe ich mich aus der Verantwortung ;), gebe das heute vorsichtshalber mal ab und lasse deshalb Madlen Plakinger sprechen, deren Kommentar ich in der Facebook Diskussion gerne mit mehr als nur einem ❤ versehen hätte:

Schönheit liegt wie jeder weiß im Auge des Betrachters und um bodypositivity zu vertreten muss man nicht als super hässlich abgestempelt werden! Man spricht für alle Menschen und muss nicht unbedingt egoistisch denken und alles nur auf sich beziehen. Außerdem soll keiner ausgegrenzt werden, nur weil er für den ein oder anderen irgendwo nicht hinein passt! Egal ob dick, dünn, klein, groß, schwarz, weiß oder so wie man eben ist.. alle Menschen sind gut wie sie sind, solange sie niemand anderem damit weh tun! Und oftmals muss ich da leider diesem Klischee begegnen, dass etwas mehr auf den Rippen als weniger schön angesehen wird, dabei kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass „zu dünn“ genau so verletzend sein kann wie „zu dick“ oder was auch immer man in Negativität verpacken will!
Edit: ich finde die Gesellschaft ist grausam genug um Menschen überhaupt vorzuschreiben wie sie sein sollen und was das Schönheitsideal darstellt. Also seid froh mit dem was ihr habt und seid, bleibt individuell und werdet keine Kopien von Kopien, das wäre viel zu langweilig! Vielfältigkeit ist super!

 

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Published by

flummidreams

blogger - student - workaholic

3 Antworten auf „Warum es nicht ohne Body Positivity geht

  1. Ich finde, dass das Gesamtproblem klarer wird, wenn man stattdessen den biologischen Begriff verwendet:
    Intrasexuelle Konkurrenz
    Schönheit ist etwas in dem Frauen konkurrieren.
    Die „alle Körper sind schön“ will auf dem Weg den Druck zurückfahren und die Konkurrenz reduzieren. Problem ist, dass sie dadurch nicht weg geht. Schönheit lässt sich nicht beliebig definieren und folgt Regeln.
    Weswegen sich einige weniger hübsche auch darüber aufregen, wenn hübschere Frauen ihn für kleiner Mängel verwenden.
    Es etabliert für sie die Konkurrenzsituation wieder, weil klar ist, dass diese kleinen Mängel etwas wären für das sie dankbar wären, wenn es das Problem wäre

    Gefällt 1 Person

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