This was it – 2017. Oder: eine Selbstkritik

„Ich habe das Gefühl, dass sich dieses Jahr was verändert hat – wir sollten mal aktiv werden“, so eine Freundin, die im Juli mal Regale bei Saturn umgestellt hat (Was alles in „sexistische Kackscheisse“ und „ich als Frau“ hineininterpretiert werden kann – oder: Wann man die Twitterbenachrichtigungen ausschalten sollte) im März diesen Jahres. Zwar wurde es daraufhin wieder etwas ruhiger in ihrem getwitterten sozialen Leben – auch wenn das natürlich nicht heißen soll, dass sie sich jemals einer Diskussion entsagen würde oder ich etwas davon verpassen würde, da ich sowieso immer Screenshots zugeschickt bekomme – doch wir gründeten damals den Feministischen Salon, weshalb ich für sie und für uns definitiv sagen kann: das Ziel wurde erreicht. Doch kann ich das auch für mich mit ja beantworten? Oder ist die eigentliche Frage nicht: Was ist das Ziel?

Nach einer demonstrativen Absage an klassische Fashion und meinem bisherigen Dasein als Fashion Bloggerin (Fuck Fashion? Wie der Feminismus mich rettete – oder: nicht nur Instagram ist irgendwie fake – Studierende sind es auch!), einigen feministischen Blogposts im Sommer (Warum es nicht ohne Body Positivity gehtLanger Kommentar zu einem alten Hut: Frauen, Männer und der Sommer Teil 2Damen- und Herrenräder und die Sache mit dem Labelling, und meinem Liebling: Wonder Woman the Movie), und einer dem Orts- und Studienwechsel geschuldeten Pause mit kurzzeitigem Comeback (I am back!), ist das Jahr schwups die wupp schon wieder vorbei. Wollte ich einen Blogpost über mein neues Studienfach Gender History und über den Justice League Film schreiben? Ja. Warum hab ich es dann nicht? Ist die Luft etwa schon wieder raus?

Habe ich im November irgendwie mit Instagram aufgehört, obwohl ich so viele schöne Schottlandbilder noch auf dem Handy habe?

Warum bin ich dann immer noch „Die mit dem Blog“?

Vielleicht weil ich trotz alledem jetzt zum Jahresabschluss einen Post schreibe 😉 Vielleicht weil „aktiv“ werden nicht heißt „konstant feministische oder mit anderer moralischer Botschaft versehene Blogposts veröffentlichen“. Denn genau darum geht es ja: Ich kann hier so viel schreiben wie ich will, wenn sich offline nichts ändert bin ich auch nicht besser als die Student*innen, die ich im Fuck Fashion Blogpost kritisiere.

Deshalb folgt jetzt eine kurze persönliche Revision meiner programmatischsten Posts:

Fuck Fashion:

Kaufe ich noch ab und an bei H&M? Ja. Habe ich die Primarks in Glasgow ausgenutzt für billige Sportkleidung, Unterwäsche und Strumpfhosen? Ja. Rede ich mir ein, dass es halt nicht anders geht? Ja. Stimmt das? Nein. Ist meine vor 4 Tagen second hand gekaufte Bluse in super bunt mit Sokrates drauf nicht einfach viel cooler als alles, was ich in diesen Läden bekommen je könnte? Ja.

Habe ich das auf Instagram gesagt? Nein. Habe ich dort nur Werbung für ethische, faire, und organische Kleidung gemacht? Ja. War das wichtig? Ja. War ich dennoch in Kommentargruppen aktiv, nur damit ich mehr Kommentare und Likes erhalte? Ja. Habe ich in diesem Zusammenhang auch „normale“ Fashionbilder geliket und unreflektiert „das ist ja cool!“ drunter geschrieben? Ja. Habe ich vielleicht deshalb mit Instagram aufgehört? …

Unabhängig davon, dass ich weder die Zeit für diese Gruppen hatte oder dass mich des öfteren ein schlechtes Gewissen überkam, liegt genau darin doch das Problem: Klar habe ich versucht, mich in „der richtigen Blase“ aufzuhalten. Allerdings ist es unglaublich schwer, ohne immensen Zeitaufwand und Interaktion auch mit Accounts, die vielleicht nicht in das eigene Schema passen, auf Instagram überhaupt gesehen zu werden. Dass das dann irgendwann keinen Spaß mehr macht ist ja auch klar.

Deshalb geistert mein Account nun seit einiger Zeit so vor sich hin. Aber vielleicht passt eine „neoliberale Werbung“ auf Instagram auch einfach nicht zu ethischer, fairer und organischer Fashion? Vielleicht ist es so wie mit allem Linken: Es funktioniert nicht, wenn es nicht die gesamte Gesellschaft betrifft. Faire Mode auf Instagram ist gut und sicherlich nicht abzuschaffen, aber es funktioniert nicht, wenn es mit anderen im neoliberalen Wettkampf steht. Deshalb fühlte es sich für mich besser an, einfach die App leise zu stellen und mit meiner Freundin in den Secondhand Shop zu gehen.

PS: Ich glaube ich sollte meinen „großen“ Instagram Account jetzt wirklich mal löschen. Die paar wenigen, die aktiv meine Blogposts lesen, folgen mir sowieso schon auf meinem privaten Profil. Ich glaube, das ist endlich mal ein guter Vorsatz für das neue Jahr: Fuck Instagram! Wer braucht das schon?

 

Warum es nicht ohne Body Positivity geht:

Wer geht in Glasgow wieder ins Gym und denkt dabei sicherlich nicht nur an ihre Gesundheit? Wer fragt sich beim Ausgehlook der Briten nicht nur: Erfrieren die nicht? Sondern denkt sich auch: So würde ich nie rumlaufen. Ich.

Als ob ich alles umsetzten würde, was ich schreibe. Als ob Zweifel nicht trotzdem da wären. Als ob Körpergefühl nicht tagesabhängig wäre. Als ob man einfach mit dem Finger schnipsen könnte und die Welt wäre einfach …

Aber ich glaube: Solange ich weiterhin so darüber nachdenke, im Kino eine Rießentüte Popcorn esse und das Sushi All You Can Eat vollständig ausnutze, ist alles ok.

 

Wonder Woman:

Haben sie alles wieder zunichte gemacht mit ihrem Outfit in Justice League? Warte, welches Outfit? Ach ja, ihr nackter Po…

Bei diesem Film, ebenso wie ganz vielen Serien frage ich mich immer: Darf ich das jetzt gut finden? Darf mir der Film / die Serie gefallen, darf ich über Witze lachen, Charaktere wie Dean aus Supernatural gut finden? Ich kann es euch wirklich nicht sagen, wenn ihr eine Antwort habt, immer her damit!

Eine gute Sache kann ich allerdings feststellen: Wenn nicht ich diese Dinge anspreche, sondern mein Freund, wenn ER mir sagt, die Story von Poe Dameron und Amylin Holdo bei Star Wars VIII war klasse (für alle, die es nicht wissen: Endlich wird eine klassische, Star Wars-typische, männliche „Macher“ Rolle einer (zufällig weiblichen) neuen Art von Obrigkeit gegenübergestellt und ausgebremst), dann bin ich mir sicher: 2017 war ein gutes Jahr, denn ich hab mir den richtigen Feministen ausgesucht.

 

Ist das Ziel denn jetzt erreicht?

Welches Ziel? Wenn das heißen soll, dass ich nicht mehr unkritisch durch die Welt gehen kann? Dass ich keiner Diskussion mehr aus dem Weg gehe? Dass ich, wenn ich die Zeit finde, auch öffentlich meine Meinung kundtue? Dass ich ganz mich normal mit Freund*innen über Periode, Sex und Abtreibung unterhalten kann? Dass, wenn die Kommiliton*innen, die nicht den Gender History Master machen meinen, sie würden Gender nicht in ihre Masterarbeit miteinbringen, ich mitten im Kurs hinausschreien will: GENDER KANN MAN NICHT NICHT MITEINBEZIEHEN!?

Ja, ich glaube dann ist mein ganz persönliches Ziel erreicht, und zwar egal ob ich darüber jetzt blogge oder nicht.

 

 

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Published by

flummidreams

blogger - student - workaholic

4 Antworten auf „This was it – 2017. Oder: eine Selbstkritik

  1. Danke für diese feministische Selbstbeweihräucherung! Du bist toll und wichtig, und wenn dich später dein Gender History-Abschluss niedriger bezahlt landen wird, sind patriarchy ™ und pay gap ™ schuld.

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    1. Korrekt es gibt eine gender pay gap in der Geschichtswissenschaft. Was allerdings an einer guten Uni stelle schlecht sein soll frag ich mich ja schon… und das größte Rätsel ist mir, warum ich eine Naturwissenschaft studieren muss nur um mich über die Gesellschaft beschweren zu dürfen.

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